Mitralklappenendokardiose/Mitralinsuffizienz

Bei dieser Erkrankung handelt es sich um die häufigste Herzerkrankung beim Hund. Die korrekte Bezeichnung lautet Mitralklappenendokardiose, häufig wird als Synonym  jedoch Mitralinsuffizienz oder seltener Mitralklappenprolaps  verwendet. Mitralinsuffizienz ist als Krankheitsbezeichnung an sich nicht korrekt, insofern diese ein Symptom (die Insuffizienz, also Undichtigkeit der Klappe) und nicht die zugrunde liegende Erkrankung beschreibt. Aufgrund der Mitralendokardiose kommt es sekundär zur Mitralinsuffizienz (es gibt noch zahlreiche andere Ursachen für eine Mitralklappeninsuffizienz). In der Humanmedizin existiert ein ähnliches Erkrankungsbild.

Von zentraler Bedeutung für die Mitralendokardiose ist der Rückstrom (die Mitralinsuffizienz) von Blut in den linken Vorhof (s. Kreislauf und Anatomie). Im Endstadium staut sich das Blut über den linken Vorhof in die Lunge und es kommt zum Lungenödem. Die Mitralklappenendokardiose kann also letzten Endes zum Linksherzversagen führen.

Häufig besteht zusätzlich zur Mitralendokardiose eine Trikuspidalendokardiose. Hier kann sich Blut im weit fortgeschrittenen Stadium in den Körperkreislauf und letztendlich in Bauchhöhle oder Brustkorb zurück stauen.

 

Welche Hunde erkranken?

Wie schon erwähnt handelt es sich um die häufigste Herzerkrankung des Hundes, Katzen erkranken so gut wie nie. Die Krankheit tritt in der Mehrzahl der Fälle bei kleinen Hunderassen ab einem Alter von 7 bis 8 Jahren zum ersten Mal auf. Eine Ausnahme stellt der Cavalier King Charles Spaniel dar, der oft schon ab einem Alter von 1.5 – 2 Jahren betroffen ist. Große Hunde erkranken wesentlich seltener. Häufig betroffene Hunderassen sind beispielsweise:

Cavalier King Charles Spaniel

Dackel

Kleinpudel

Yorkshire Terrier

 

Welche Symptome fallen dem Besitzer auf?

Hunde in einem frühen bis mittelgradigen Stadium zeigen in aller Regel keine Symptome. Mittels verschiedener Regelmechanismen kann der Körper die Erkrankung zumeist über einen langen Zeitraum kompensieren. Ab einem bestimmten Zeitpunkt schafft der Körper dies jedoch nicht mehr und es kommt zur Dekompensation. Die häufigsten Symptome sind im Folgenden aufgelistet:

Husten

Schnelle Atmung oder Atemnot

Leistungsschwäche (nur im Endstadium)

Ohnmachtsanfälle (seltener)

Abmagerung im Endstadium

Umfangsvermehrter Bauch (nur bei Trikuspidalendokardiose)

 

Wodurch entsteht eine Endokardiose?

Endokardiose bezeichnet eine degenerative Veränderung an einer Herzklappe. Den genauen Auslöser kennt man bisher nicht. Früher galten Entzündungen an den Herzklappen lange als Ursache, diese Theorie ist jedoch seit langer Zeit widerlegt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein genetisch determiniertes Geschehen, wofür auch das gehäufte Auftreten v.a. bei bestimmten kleinen Hunderassen wie dem Cavalier King Charles Spaniel spricht. Letzten Endes verändert sich die Struktur der Mitral- und/oder der Trikuspidalklappe und deren Aufhängeappartes. Bindegewebsschichten lösen ihren Verbund was zu einem „Aufquellen“ der Klappe und zu deren oft charakteristischen keulenartigen Aussehen im Ultraschall führt. Gleichzeitig können einige der chordae tendineae reißen, was in einem Prolaps, also einem „Durchschlagen“ der jeweiligen Klappe resultiert. Endokardiosen betreffen wie bereits beschrieben eigentlich nur die Atrioventrikularklappen. In 60 % der Fälle sind alleine die Mitralklappe, in 10 % die Trikuspidalklappe und in 30 % beide Klappen betroffen.

 

Wie wird die Krankheit diagnostiziert?

Oft kann schon anhand der klinischen Untersuchung mittels Auskultation, bei der ein Herzgeräusch auffällt, eine vorläufige Diagnose gestellt werden.  Das Herzgeräusch lässt jedoch zumeist KEINEN Rückschluss auf den Schweregrad der Krankheit zu! In Verbindung mit einem Röntgenbild kann man allerdings schon einen guten Eindruck vom Schweregrad bekommen. Das genaueste Diagnostikum stellt jedoch der Herzultraschall inkl. einer Doppleruntersuchung dar. Hier können  die einzelnen Kammern ganz genau ausgemessen und die Morphologie der Klappen begutachtet werden.  Zusätzlich lassen sich hier Aussagen über Pump- und Füllfunktion der Hauptkammern treffen. Die Doppleruntersuchung ermöglicht es zudem, den Rückstrom an Blut darzustellen und zu quantifizieren.

 

Wie ist der Krankheitsverlauf?

Die Erkrankung schreitet zumeist relativ langsam voran. Patienten mit Mitralendokardiose sollten regelmäßig kontrolliert werden, um den Krankheitsverlauf besser abschätzen zu können. Oft bleiben vom ersten Befund bis zum Auftreten klinischer Symptome mehrere Jahre, dies lässt sich aber nicht für jeden Patienten verallgemeinern. Gerade große Hunde stellen eine Ausnahme dar, insofern die Krankheit hier erheblich schneller voranschreitet, da bei diesen Patienten viel früher im Verlauf Herzmuskelschäden auftreten. Befindet sich ein Patient im Endstadium mit Wasser in der Lunge, beträgt die Überlebenszeit oft weniger als ein Jahr.

 

Gibt es eine Heilungschance?

Leider nein. Die Krankheit kann nur symptomatisch behandelt werden, wobei eine Verbesserung der Lebensqualität hier im Vordergrund steht. Viele Patienten erkranken glücklicherweise in einem relativ hohen Alter, in dem sie aufgrund des oft eher langsamen Krankheitsverlaufs nie Symptome bekommen. Eine chirurgische Lösung stellt in der Tiermedizin bisher leider keine Option dar.

 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Bei diesem Thema herrscht zurzeit große Verwirrung. Lange Zeit war es üblich, einzig aufgrund eines Auskultationsbefundes mit ACE-Hemmern oder Digitalis-Präparaten zu behandeln. Diese Praxis ist mittlerweile in jedem Fall überholt. Vor einem eventuellen Therapiebeginn sollte immer der Schweregrad der Erkrankung mittels Röntgen oder besser mittels Ultraschall festgestellt werden. Grobgesagt kann man zwischen geringgradigen, mittelgradigen, hochgradigen oder dekompensierten Befunden unterscheiden, wobei die Übergänge dabei fließend sind. Geringgradige Insuffizienzen ohne Herzvergrößerung benötigen keine Therapie. Dies erscheint vielen Besitzern zunächst unverständlich, da ihr Tier ja an einer Herzkrankheit leidet, welche dann aber nicht behandelt werden soll. Bisher gibt es jedoch – genau wie in der Humanmedizin – kein Medikament, das den Verlauf genau in diesem Stadium positiv beeinflussen kann. Die Therapie der Wahl stellt bei Humanpatienten eine chirurgische Klappenreparatur bzw. ein Klappenersatz dar, was bei Hunden aus verschiedenen Gründen so gut wie nicht möglich ist.

Mittlerweile gibt es jedoch eine effektive Therapie für Hunde ab einem mittelgradigem Stadium, bei dem eine Vergrößerung des Herzens vorliegt. Hier hat sich in der größten bisher existierenden veterinärkardiologischen Studie Pimobendan als sehr effektiv gezeigt. So führt das Medikament zu einer Verkleinerung des Herzmuskels und einer deutlichen Verlängerung der symptomfreien Zeit. Pimobendan ist deshalb das Medikament der Wahl für Patienten mit Herzvergrößerung.

Dekompensierte Patienten mit Lungenödem werden mit einer Kombination aus Entwässerungsmedikamenten (v.a. Furosemid), Vetmedin und einem zusätzlichen ACE-Hemmer behandelt (Triple-Therapie). Manchmal bestehen sekundär Herzrhythmusstörungen, die dann je nach Schwere mit einem Antiarrhythmikum behandelt werden müssen. Im Gegensatz zur Humanmedizin ist eine zusätzliche gerinnungshemmende Therapie beim Hund nicht notwendig. Wie bei fast allen anderen Herzerkrankungen auch, muss eine einmal begonnene  Therapie in beinahe jedem Fall lebenslang fortgesetzt werden.

Das unten aufgeführte Schema ist eine kurze Zusammenfassung aus aktuellen Studien sowie internationaler Expertenmeinungen zur generellen Therapieempfehlung von Mitralendokardiosen. Im individuellen Fall kann es aber notwendig sein, vom hier angegebenen Therapieschema abzuweichen.

 

Schwergrad

Therapie

 

Furosemid

Vetmedin

ACE-Hemmer

Geringgradig

-

-

-

Mittelgradig

-

+

-

Hochgradig

-

+

-

Dekompensierte

+

+

+/- **

 

Legende: + Einsatz gesichert; - Einsatz nicht notwendig; +/- Einsatz fraglich

** Der zusätzliche Einsatz von ACE-Hemmern bei Patienten im Herzversagen wird von einem Großteil der Spezialisten befürwortet.

 

Grundsätlich gilt, dass eine längerfristige Behandlung mit verschiedenen Herzmedikamenten NUR NACH Abklärung mittels Herzultraschall oder zumindest Röntgen erfolgen sollte. Die Verabreichung eines Medikamentes nur aufgrund einer Abhörbefundes ist nicht korrekt.

 

Ist eine Futterumstellung sinnvoll/notwendig?

Eine Futterumstellung kann bei Patienten mit hochgradigen Befunden sinnvoll sein, vorher ist sie wahrscheinlich kaum von Nutzen. Salzhaltige Leckerli sollten vom Speiseplan eines hochgradig erkrankten Tieres gestrichen werden. Ebenso kann eine mild bis moderat salzreduzierte Diät mit höherem Energiegehalt helfen, die Schwere der Symptome zu lindern und eine ausreichende Energiezufuhr zu sichern. Ein Problem besteht allerdings darin, dass unsere Haustiere oft salzreduzierte Diäten ablehnen. Dann ist es in jedem Fall besser, irgendeine Lieblingsdiät anzubieten, als auf einer „Herzdiät“ zu beharren, die ihr Hund nicht frisst, da sonst der Energiebedarf des Patienten nicht gedeckt werden kann. Bei hochgradig betroffenen Tieren kann auch der Einsatz von Omega-3-Fettsäuren helfen.

 

Müssen Elektrolyte wie Kalium oder Magnesium supplementiert werden, wenn mit hochdosierten Entwässerungsmedikamenten therapiert wird?

In der Regel nein. Ein Patient, der normal trinkt und frisst benötigt in der Regel keine zusätzlichen Elektrolyte. Die Rolle von Magnesium ist in der Tiermedizin bisher nicht ganz eindeutig geklärt, da sich u.a. der Magnesium-Spiegel im Körper nur schwer messen lässt, herkömmliche Blutuntersuchungen sind dafür meistens zu ungenau. Eine Rolle von Magnesium könnte in der Behandlung therapieresistenter Rhythmusstörungen  liegen, welche im Rahmen der Mitralendokardiose auftreten können. Von einer grundsätzlichen Therapie mit Magnesium sollte aber abgesehen werden, da viele Patienten mit Durchfall auf das Elektrolyt reagieren.

 

 Mein Hund wird mit Entwässerungsmedikamenten behandelt. Soll ich seinen Wasserkonsum einschränken?

Hier ist nur eine kurze Antwort notwendig: in keinem Fall!

 

Was können Sie als Besitzer eines erkrankten Patienten tun?

Gerade Patienten in weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit seitens der Besitzer.  Vor allem bei Tieren mit vorausgegangenem Lungenödem ist es überaus wichtig, auf zunehmenden Husten zu achten und regelmäßig die Atemfrequenz ihres Patienten zu zählen. Diese sollte in Ruhe (wichtig: nicht nach Anstrengung zählen, das erhöht automatisch die Herzfrequenz) nicht mehr als 45 Atemzüge pro Minute liegen. Wichtig ist auch, Trends zu erkennen. Steigt die Atemfrequenz - Sie zählen beispielsweise 20/min am Morgen, 40/min am Mittag und Nachmittags 50/min - dann kann dies auf ein beginnendes Lungenödem hinweisen und Sie sollten schnellstmöglich Kontakt mit Ihrem Tierarzt aufnehmen.